Horwer Beton formt die Region

Strassen, Tunnel, Gebäude – in allem steckt Beton. Das Rohmaterial dafür wird seit bald 90 Jahren in Horw von Schiffen entladen und zu den Baustellen in der Region gefahren. Nach Jahrzehnten der Expansion steht das Werk Horw vor schwierigen Zeiten.

Die Hochhäuser auf der Allmend und Bauten im Zentrum von Horw sind aus Beton von Horw gebaut. Auch im neuen Quartier Mattenhof und im Pilatus Markt steckt Beton. Weiter in den Untergrund:

Der Tunnel der Zentralbahn zwischen Kriens und Luzern sowie die Tunnelbauten der Autobahn um Horw – alles aus Beton. Der Weg zu den Baustellen war kurz. Der Beton für diese Bauten wurde mehrheitlich im Betonwerk in Ennethorw produziert. Das Rohmaterial dafür – Sand und Kies – stammte vorwiegend aus dem Vierwaldstättersee, mit grossen Greifbaggern aus dem See gehoben und mit Lastschiffen nach Horw transportiert. Die Gewinnung von Sand und Kies sowie die Produktion von Beton ist ein lokales Geschäft.

Eine der ersten Betonfabriken

Baumaterial aus dem See und aus Steinbrüchen zu gewinnen, hat eine lange Tradition. Das Werk Horw gehört zu den SEEGESELLSCHAFTEN, deren Ursprung auf das Jahr 1889 zurückgeht. Die heutige Sand + Kies AG Luzern wurde 1933 als «AG Seeverlad» in Horw gegründet. Jahrzehntelang wurden Steine, Sand und Kies gewonnen, unter anderem in Beckenried, Alpnachstad und Buochs. Lastschiffe brachten das Rohmaterial nach Horw. Nach der Aufbereitung belieferten Lastwagen die Baustellen der Umgebung. 1961 wurde die Transportbeton AG in Horw gegründet und eine der ersten Betonfabriken der Schweiz gebaut. In den 1970er-Jahren begann die Ära von Dr. Peter Weber und damit die Zeit der Modernisierung.

Quartierverein erhält Versprechen

Peter Weber studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität St. Gallen. Über einen Kontakt der Studentenverbindung Amicitia wurde er 1966 auf eine freie Stelle bei den Jura-Cement-Fabriken in Aarau aufmerksam. Dort war er sechs Jahre als zweiter Direktionssekretär tätig und wurde 1972 schliesslich zum Direktor der SEEGESELLSCHAFTEN befördert. Damit hatte er fünf Firmen unter sich, unter anderem die Sand + Kies AG Luzern und die Transportbeton AG Luzern. «Die Bautätigkeit nahm zu, die Nachfrage nach Beton stieg. Das kleine Betonwerk in Horw konnte den Bedarf nicht decken», erinnert sich Dr. Peter Weber. Er plante, die Werkanlage Horw zu modernisieren und eine neue Betonfabrik mit vier Mischern zu bauen. Das stiess nicht überall in Horw auf Zustimmung. Auch der Quartierverein Ennethorw war gegen den Bau und lud Peter Weber zur Generalversammlung ins Restaurant Eintracht ein. Er sollte das Projekt vorstellen, bevor darüber abgestimmt wurde. «Damals war es üblich, dass man morgens um 4.30 Uhr mit dem Entladen der Schiffe voller Kies begann. Ich versprach, dass sich das mit der neuen Betonfabrik ändern werde: Wir laden die Schiffe nicht mehr vor 6.30 Uhr aus, legen über Mittag eine Stunde Pause ein und machen um 18 Uhr Schluss. Drei Viertel der Anwesenden stimmten dem Projekt schliesslich zu.»

Kafi Schnaps und Bier

In die erste Zeit von Peter Weber fielen auch der Abbruch der Kalk- und Steinfabrik in Becken­ried sowie der Neubau der Umschlagstelle und Betonfabrik Alpnachstad. Als Direktor der SEEGESELLSCHAFTEN kümmerte er sich auch um scheinbare Nebensächlichkeiten, deren Auswirkungen jedoch gravierend sein konnten, etwa im Schiffsverkehr. «Anfangs hat der zuständige Mitarbeiter für Lieferscheine in seinem Büro auch Kafi Schnaps verkauft. Ich sagte: Schluss damit. Die Belegschaft opponierte gewaltig.» Die Schiffsmannschaften wussten sich zu helfen, indem sie nach dem Anlegen ins Restaurant Eintracht liefen und zwei Kisten Bier kauften, bevor sie wieder losfuhren. «Das ist heute unvorstellbar, aber Bier gehörte lange Zeit ganz selbstverständlich zum Arbeitsalltag», weiss Marcel Felber, der seit 1995 Verkaufsleiter der SEEGESELLSCHAFTEN ist. «Jahrelang waren wir einer der grössten Steuerzahler in Horw. Und wir hatten offenbar – ich habe das nicht miterlebt, aber gehört – den grössten Bierabsatz in Horw, mehr als jede Beiz.»

Dr. Peter Weber und Marcel Felber.
Dr. Peter Weber (rechts) war fast 30 Jahre lang Direktor der SEEGESELLSCHAFTEN. Im Jahr 1995 stellte er Marcel Felber ein, der seither Verkaufsleiter ist.

Vom Schiff unterirdisch in den Betonturm

Die nächsten Jahrzehnte waren geprägt von weiteren Um- und Ausbauten. Dazu gehörten der Umschlagplatz und das Betonwerk Niederstad bei Alpnachstad und die weitere Modernisierung des Werks in Horw. Unter anderem entstand in den Jahren 1993/94 der unterirdische Bandkanal. Marcel Felber erklärt den Vorgang: «Die Kies-Sand-Materialien werden von den Schiffen über ein Förderband in Boxen geleert und dann unterirdisch direkt weiter in den Betonturm transportiert.» Diese maschinelle Abwicklung erhöhte die Effizienz. Das war nötig für die folgenden Jahre mit zahlreichen Grossprojekten in der Region. Für den Ausbau und die Erneuerung der Autobahn A2 war die Transportbeton AG die Hauptlieferantin von Beton. Der Materialbedarf war enorm. An Spitzentagen wurden bis zu 1300 m³ Beton geliefert – das entspricht rund 150 Lastwagen.

1972/73 wurde die Anlage modernisiert.
1972/73 wurde die Anlage modernisiert und eine der grössten Transportbetonfabriken der Schweiz mit vier Betonmischern erstellt.

Konzession kurz vor der Pension erneuert

Um den Nachschub an Kies zu gewährleisten, wurde unter anderem die Baggeranlage im Vierwaldstättersee bei Beckenried erneuert. «Wir kauften eine Saugbaggeranlage, die ständig verstopft war», erinnert sich Peter Weber. «Daraufhin liess ich die Anlage umbauen und einen Greifbagger montieren, um das Kies aus dem See zu gewinnen. Und siehe da: Alles funktionierte.» Zwei Monate vor seiner Pensionierung im Jahr 2002 gelang es Peter Weber, die Baggerkonzession für Becken­ried um weitere 20 Jahre zu verlängern. 2022 läuft sie ab. Die SEEGESELLSCHAFTEN sind nun daran, die Konzession wiederum zu verlängern. Das macht Sinn, ist Marcel Felber überzeugt: «Die Schweiz wächst und wächst. Das braucht Wohnraum und Infrastruktur. Auch in Horw und Umgebung ist die Bautätigkeit noch immer gross. Die Nachfrage nach Beton ist da.» Gebaut wird unter anderem im Zentrum Horw und auf dem Areal der alten Ziegelei, beim alten Pilatusmarkt und beim Eichhof. Der neue Campus der Hochschule Luzern wird ebenso einen hohen Bedarf an Beton haben wie der Bypass Luzern – die neu geplante Autobahn für den Transitverkehr um die Stadt Luzern.

Übernahme veränderte alles

Trotz grosser Bautätigkeit – das Werk Horw geht herausfordernden Zeiten entgegen. Im Jahr 2000 wurden die SEEGESELLSCHAFTEN von der CRH übernommen, einem weltweit tätigen Konzern aus Irland mit 90 000 Mitarbeitenden. «Damit änderte sich alles», sagt Peter Weber. «Dezentrale Strukturen wurden aufgelöst. Für die CRH ist der Schweizer Markt ein Pappenstiel.» Gleichzeitig kamen die Preise unter Druck. Zu viele Anbieter produzieren zu viel Beton, ergänzt Marcel Felber. «Die Überkapazität sorgt für sinkende Preise und immer kleinere Margen. Jeder Lieferant kämpft um Grossaufträge.» Das Betonwerk Horw ist für eine hohe Produktion konzipiert und ist eine anspruchsvolle Anlage, der Unterhalt entsprechend aufwendig. Ein immer höheres Tempo und komplexere Abläufe machen der Baubranche zusätzlich zu schaffen. «Früher war der Standort des Werks Horw ideal. Heute wird er infrage gestellt.» Auch wenn in den nächsten Jahren in Horw, Kriens und Luzern viel gebaut wird, ist umstritten, wie viele Betonwerke­ es in der Region braucht. «In zehn Jahren wird die Landschaft sprichwörtlich anders aussehen», prognostiziert Felber. «Auch in Horw.»